Thematik: Hybride

Bild vergrössern

Carlos Spottorno, « Kashgar - Xinjiang - China », 2007, © Carlos Spottorno / Getty Images

Die 18. Ausgabe der Bieler Fototage setzt sich mit dem Thema Hybridisierung in der zeitgenössischen Fotografie auseinander. Im Spannungsfeld zwischen der Erfassung der Wirklichkeit und digitaler Technologie eignet sich das Medium Fotografie dank seiner Flexibilität bestens für Vermischungen. Diese Fähigkeit macht aus ihr ein ideales Instrument, mit dem die Herausforderungen einer globalisierten Welt dargestellt werden können.

Die Arbeiten der dieses Jahr ausgestellten Fotografen zeigen den Zusammenstoss verschiedenartiger Elemente, rufen die Vermischung der Kulturen in Erinnerung, zeugen von der Fragmentierung des Individuums, aber auch von einer kollaborativen Wirtschaft. Das Bild wird lebendig, um die Widersprüche herauszuarbeiten, die sich in der Wirklichkeit auftun, um Literatur und Bild in eins zu bringen, oder um mit dem Zuschauer zu interagieren.

Die Serie «China Western» von Carlos Spottorno steht sinnbildlich für eine durchmischte Welt, in der sich die verschiedenen Kulturen, Gesellschaften, und Religionen im Alltag überlagern. Die Bilder blicken hinter die Fassade von Xinjiang, der westlichsten Provinz Chinas, die an acht Länder grenzt und über reiche Erdöl- und Gasvorkommen verfügt. Die Urbevölkerung der ursprünglich aus der Türkei stammenden Uiguren ist muslimisch, die Uiguren streben die Unabhängigkeit an. Das Video «Religious Aerobics» der Bouillon Group strahlt einen anregenden Synkretismus aus. Die gezeigte Gymnastik hat ihre Wurzeln in den rituellen Gesten der islamischen, christlichen und jüdischen Religionen. «Büropflanze» von Saskia Groneberg illustriert ein weiteres, unerwartetes Zusammentreffen, nämlich jenes von Natur und Büro. Es sind nämlich gerade die Pflanzen, denen die Büroangestellten die Aufgabe übertragen, die unpersönliche Arbeitswelt menschlicher zu gestalten. Auch die Arbeitslosen von Eduardo Cebollero stehen nicht im Einklang mit ihrer Umgebung. Die Serie «Kamagasaki» zeigt ein Arbeitsvermittlungsbüro und dessen Umgebung in der japanischen Stadt Kamagasaki, öffentliche Plätze, die von Arbeitslosen bevölkert werden, die als Eindringlinge angesehen werden. Indem sie dort die Zeit totschlagen oder weil der Geldmangel sie dorthin treibt, verändern die Arbeitslosen nämlich diese Plätze radikal und gehen dort privaten Aktivitäten nach. Auf den Bildern der Serie «Silent Outlooks» von Gregory Collavini hingegen werden die menschlichen Aktivitäten deutlich isoliert: Die Lärmschutzwände bilden eine durch und durch kontrollierte Landschaft. Bei «Coming Soon» von Natan Dvir ist es schwierig, klar abzugrenzen, wo die städtische Wirklichkeit beginnt und wo die Werbefläche aufhört. Die völlig durchkomponierten Bilder zeigen subtil auf, wie die eine in die andere einbricht.

In seiner Serie «Ich mit Girls» führt Romain Mader seine Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht fort, diesmal am Genfer Autosalon. Seine Selfies, auf denen er sich wie ein Eindringling ins Bild zu schmuggeln scheint, dienen als Beleg für seine mehr als flüchtigen Beziehungen, die Aufnahmen bedienen sich der gängigen Ästhetik von Ferienfotos. Die virtuelle Welt macht auch vor der vereinheitlichten Darstellung des Individuums nicht Halt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, individualisiert das Projekt «YOUNIC – FaceBOOK» von Eva-Maria Raab das symbolisierte Profilbild, das von Facebook eingeblendet wird, wenn kein persönliches Foto hochgeladen wurde. Über Facebook wurden 100 Personen eingeladen, an dieser Hybridisierung des bekannten Symbols teilzunehmen und ihr Portrait einzuschicken. Mit «In the Woods» lädt Camille Scherrer den Betrachter dazu ein, eine Interaktions-Erfahrung zu machen, bei der sie ihn zu einem integrierten Bestandteil eines virtuellen grafischen Pflanzen- und Tieruniversums macht. Die gemeinsame Kreation ist das eigentliche Thema, das in den Werken des Trios JocJonJosch behandelt wird. Das Video «Beast Mutation» liefert einen Einblick in den Prozess des partizipativen Nachdenkens: aus Einzelpersonen, die gemeinsam ein instabiles Gleichgewicht aufrecht erhalten, wird ein hybrides Wesen geformt. Vielleicht ist die Tatsache, dass «Dear Clark,» ein Leben mit gefälschten Identitäten führte, darauf zurückzuführen, dass er sich wünschte, gleichzeitig mehrere Personen in einer zu sein: Sara-Lena Maierhofer versucht, anhand von Fotos und Dokumenten seine mehrfachen Leben zu rekonstruieren. Jedes einzelne Element ergänzt die anderen; die Information bleibt aber trotz allem lückenhaft. Die Identität spielt ebenfalls eine Rolle in der Serie «Eukalyptus & Vegas» von Michal Florence Schorro & Prune Simon-Vermot. Ausgehend von seiner persönlichen Erfahrung zeichnet das Fotografen-Duo eine immaterielle Geographie nach, in der sich Identität und Kultur hybridisieren.

Das durchaus reale Sujet der Serie «Offscreen» von Gabriela Löffel scheint zunächst dem fiktionalen Genre zuzuordnen zu sein. Die Videoinstallation berichtet von einer Reise, die ein westlicher Tourist, der die starken Empfindungen vermisst, im kriegsgeschüttelten Iran und Afghanistan unternommen hat. Der Einsatz einer Off-Stimme und die in einem Studio gedrehten Bilder verstärken den Verfremdungseffekt zusätzlich. Im Video «34°8'8.59"N | 118°20'48.61"O» nimmt uns Swann Thommen dank Google Earth mit auf eine Entdeckungsreise aus der Luft, über tatsächlich existierenden Orten, die allerdings eine fiktive Szene darstellen: nämlich die Filmstudios von Universal, genauer den Drehort des Films «War of the Worlds» von Steven Spielberg. Das Video «Grosse kleine Welt» von Marie José Burki richtet den Blick auf die Stadt Biel, um ein Portrait von Robert Walser zu realisieren. Von einer Stimme aus dem Off vorgelesene Texte des Schriftstellers begleiten die aktuellen Bildern der Stadt, um Vergangenheit und Gegenwart in Einklang zu bringen, das Grosse und das Kleine, das Nahe und das Ferne.

Die Serie «Vertigo» von Fabian Unternährer funktioniert assoziativ. Die Bilder mit den verschiedenen Stimmungen, bei denen sich das Aussergewöhnliche mitten im Alltäglichen verbirgt, erzählen je nach Art, wie sie aufgehängt sind und je nach Lesart verschiedene Geschichten. Die Diptychen der Video «Doppelt und dreifach umrundet» von Livia Di Giovanna funktionieren ebenfalls assoziativ. Die dreidimensionale Wirklichkeit der aus der Froschperspektive gefilmten Industriearchitektur wird in den neu zusammengesetzten Bildern umgestaltet, daraus ergeben sich neue geometrische Formen.

Stephen Gill arbeitet experimentell. In «Talking to Ants» platziert er Gegenstände im Fotoapparat und spielt mit dem Massstabeffekt. Während Stephen Gill vor der Aufnahme aktiv ist, interveniert Oscar Muñoz nach derselben. Indem er in der Video «Cíclope» Bilder in bewegtes Wasser eintaucht, bewirkt er, dass das Bild zwar vom Fotopapier verschwindet, materiell aber in flüssiger Form immer noch vorhanden ist.

Der Ton leitet den Blick

Klicken Sie auf die Wolke um zu den Audioguides zu gelangen.

Editionen Bieler Fototage

 

Die Bieler Fototage rufen 2014 die Editionen der Bieler Fototage ins Leben, die das Ziel verfolgen, die aufstrebende Schweizer Fotografie zu fördern und zu verbreiten. Dieses Jahr sind es Michal Florence Schorro und Prune Simon-Vermot, die es Fotografiebegeisterten ermöglichen werden, zu Sammlern der Fotografie von morgen zu werden.

Michal Florence Schorro (1987) lebt und arbeitet in Biel
Seeschlachten und Eukalyptus, Nr. 27, 2013
Inkjet Print auf Hahnemühle Photorag, 28 × 20 cm
Aufl age: 25 Ex. (nummeriert und signiert) + 2AP, Preis: 350.–

Prune Simon-Vermot (1987) lebt und arbeitet in La Chaux-de-Fonds
Cactus, 2013
Inkjet Print auf Hahnemühle Photorag, 28 × 20 cm
Aufl age: 25 Ex. (nummeriert und signiert) + 2AP, Preis: 350.–

Preis für beide Editionen zusammen: 650.–